Durchschnitt – Segen oder Fluch?

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Willkommen zu der Frage, was es heißt, Durschnitt zu sein. Und ist dieses ein Segen oder Fluch?

 

Du bist doch nur Durschnitt?

Wer von uns hat diesen Satz nicht schon mal gehört und wer empfand diesen als Beleidigung und wenn ja, warum ist das so?
Der Durchschnittsdeutsche hat ein Auto (77%), hat im Schnitt 1,9 Fahrräder, nutzt das Internet täglich (61%) und ist im Schnitt 1,78 Meter groß (Männer). Zum Glück heiße ich Juan, habe 12 Fahrräder und bin 2,20m.
Unsere Gesellschaft dringt uns auf etwas Besonderes zu sein, wir frönen den Individualismus. Abgrenzen gegenüber den Eltern, gegenüber dem Sitznachbar in der Bahn und dem Arbeitskollegen der die gleiche Aufgabe wie ich zu erledigen hat.
Die Werbung suggeriert uns das Besondere in jedem ihrer Produkte, sie garnieren diese mit Botschaften wie „Sind Sie zu stark, bist Du zu schwach“ (Fisherman’s Friend) , „Nimm Frauengold und Du blühst auf“ (Frauengold) oder Gammon, „Mit diesem Duft kann dir alles passieren“.
Und doch ist diese Strategie ambivalent, denn die Wirtschaft und auch die Politik möchte kein Volk was aus lauter Individualisten besteht.

 

Doch warum dann diese Scheinstrategie?
Wenn dieses Verhalten nun ein Großteil der Menschen eines Landes wiederspiegelt, kann ich aus diesem Wissen Produkte und Strategien entwerfen, um letztendlich eine Manipulation zu erreichen.
Menschen die sich individual benehmen, die tun worauf sie Lust haben und am Morgen nicht wissen was sie abends essen, sind wenig kontrollierbar. Um ein Volk zu regieren, um es zum Konsum von Produkten zu lenken, müssen sie kontrollierbar sein.
Diese Statistiken sind in der heutigen Welt Gold wert. Eine Firma die das Verhalten erfasst und dadurch dieses vorherbestimmen kann, ist in der Lage ihre Produkte unseren Bedürfnissen anzupassen. Zukünftiges Verhalten kann berechnet werden.
Viele von uns werden sich dagegen auflehnen, denn das passt nicht in ihre Scheinwelt des Individualismus. Doch letztendlich darf sich jeder fragen, ob er nicht Produkte und Verhaltensweisen an den Tag legt, die sich täglich, wöchentlich oder monatlich wiederholen. Welche Zahnpasta kaufen wir, jedes Mal eine neue? Nehmen wir immer einen anderen Weg zur Arbeit? Essen wir jeden Tag etwas anderes?
Leben wir unseren vorgetäuschten Individualismus wirklich aus oder ist es nicht viel beruhigender im Leben, Routinen zu haben. Routinen an denen wir uns orientieren können, das unserem Sicherheitsbedürfnis als Anker dient.
Firmen wir Google, Apple, Amazon, die NSA und auch unsere Regierung leben von dieser Datenerhebung. Es werden Bewegungsprofile erstellt, Werbung wird nach unseren Bedürfnissen angezeigt, Politiker geben unseren aktuellen Wünschen eine Stimme.
Es geht um Kontrolle und Macht. Wenn ich weiß wie sich eine einzelne Person verhält, kann ich ihr Verhalten vorhersagen.

Doch ist dieses alles Teufelszeug?

Wohl kaum, denn diese Datensammlung bringt uns Standardisierung. Es ist wichtig zu wissen wie groß der Durchschnittsdeutsche ist, denn daran wird die Mode angepasst. Und wir erfreuen uns an Kleidung die uns passt, obwohl uns niemand vermessen hat.
Viele Dinge und Wünsche die wir uns erkaufen, wurden anhand von Statistiken erfasst. Ihre Ergebnisse präsentieren uns den Tatort am Sonntag um 20:15Uhr und nicht am Montag um 16Uhr.
Wir können viele Dinge in unserem Leben genießen, weil wir Durchschnitt sind. Weil viele Menschen in Deutschland ähnliche Bedürfnisse und Wünsche haben. Also ein hoch auf den Durchschnitt? Ganz so einfach ist es auch nicht.

Stellen wir die Frage doch anders: Was heißt es, etwas besonderes zu sein? Ist die Welt wirklich besser, schöner, einfacher wenn ich etwas besonderes bin?

 

Was steckt hinter dem Wunsch, etwas besonderes zu sein?

Geht es wirklich um das Bedürfnis „Besonders zu sein“ oder maskiert sich dahinter nicht ein anderes Bedürfnis? Ist es nicht viel mehr die Anerkennung, die sich diese Maske aufsetzt und uns diese Scheinwelt des Besonderen vorgaukelt.

Fast jeder von uns empfindet Anerkennung als eine Triebfeder des täglich Aufstehens, ob bewusst oder unbewusst. Wieso machen wir eine Aufgabe auf der Arbeit besonders gut, wieso strebt ein 10-Jähriger nach guten Noten. Es ist das alte Bedürfnis nach Anerkennung, die uns in der Kindheit zum ersten Mal begegnet und uns fortan bis zum Ende des Lebens begleitet.
Diese kommt in Form eines Lobes, einer Gehaltserhöhung, einem Danke oder auch in Form einer guten Note.

Anerkennung zu bekommen kann über viele Wege erfolgen.
Einige von uns erkaufen sie sich mit teuren Autos, prachtvollen Villen, Neid der Nachbarn oder Überstunden auf Arbeit.
Davon lebt auch unsere Wirtschaft. Sie ist eine wichtige Säule des Wohlstandes unserer Nation.
Es ist der einfachste und leichteste Weg, sich Anerkennung zu kaufen.

 

Also alles nur eine Frage des Preises?

Die Industrie sagt ja, ihre Bilanz wird es uns danken.

Doch ist der neidvoll Blick des Nachbarn, der den neuen Porsche sieht, wirklich Anerkennung?
Einige werden diese bejahen. Ich glaube, dass dieses ein Weg ist, der leicht und klar zu sehen ist.

Doch er ist auch ein oberflächlicher Weg, vergleichbar mit der Sonne im Solarium. Künstlich und auf Dauer schädlich.

 

Gibt es andere Wege zur Anerkennung?

Diese Frage kann jeder für sich selbst beantworten. Denn alles was mir Anerkennung bringt, passt oft auch auf meinen gegenüber. Was ein „Danke“ alles auslösen kann, ein nettes Wort, eine zuvorkommende Geste.
Lasst jemand in der Bahn den Vorrang und schon bekommt ihr ein Lächeln zurück. Lasst jemanden an der Kasse im Supermarkt vor und ein überraschendes, aber freundliches Danke wird euch begegnen.

In einem Workshop gab es zum Abschluss eine interessante und kraftvolle Übung.
Es wurde ein äußerer Kreis und ein innerer Kreis aus den Teilnehmern gebildet. Jeder Person stand einer anderen Person gegenüber. Ziel dieser Übung war es, der anderen Person zu sagen, was er als besonders interessant, angenehm und inspirierend von dieser empfand.
Und als wäre das nicht genug, drehte sich der äußere Kreis um den inneren Kreis. Jeder Teilnehmer bekam 10 mal zu hören wie toll er doch ist.

Ich hatte selten so ein breites Grinsen auf den Lippen.

Doch was heißt das nun für unser Thema.

Durchschnitt zu sein hat viele positive Folgen, es gibt Schuhe und Hosen die uns passen, unser Lieblingsprodukt schmeckt in jedem Supermarkt gleich. Die Wirtschaft bietet uns Werkzeug im Baumarkt an, weil der Durchschnittsdeutsche diese dort erwartet. Es sichert uns günstigere Preise und ausreichend Stückzahlen eines Produktes.
Doch es birgt auch die Gefahr, Politikern und Firmen ausgesetzt zu sein. Die eine Datensammelwut gegen uns erheben und ihre eigenen Bedürfnisse nach Macht und Kontrolle damit befriedigen.
Es geht um Selbstreflexion, um die Manipulation im außen zu erkennen und um selber entscheiden zu können, was ich möchte. Um eine Wahlmöglichkeit zu sehen, sei es im Kauf einer Zahnpasta oder bei der Wahl des Abendprogramms.

Und für uns geht es letztendlich um die Bewertung. Die Bewertung ob der Individualismus besser als Durchschnitt ist. Ob nur Durchschnitt zu sein, etwas langweiliges und uncooles beinhaltet. Und ob selbst der Wunsch, etwas einzigartiges zu sein, nicht auch nur ein Durchschnittswunsch ist 

Um die Frage mit Herrn Steinmeiers Worten zu beantworten“ Die Welt besteht nicht auf der einen Seiten aus Friedensengeln und auf der anderen Seite aus Bösewichten … Die Welt ist leider komplizierter.“ (Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/steinmeier-bruellt-montagsdemo-auf-alexanderplatz-in-berlin-nieder-a-970571.html).

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